2020: Brasilien

2020: Brasilien

Von: Kathrin Reuthal (Uni Würzburg)
Organisation: Zahnärztliches Hilfsprojekt Brasilien e.V.
Zeitraum: 10.02.20 – 27.03.20

Schon während des Studiums haben wir uns viele Gedanken darüber gemacht, wie es nach der ganzen Lernerei und dem Klinikstress weiter gehen sollte. Direkt ins Arbeitsleben stürzen? Nein, für uns vier StudentInnen aus Würzburg stand schnell fest, dass wir vorher noch eine Famulatur im Ausland machen wollten.
Nach kurzer Recherche stand außerdem schnell fest: das Zahnärztliche Hilfsprojekt Brasilien e.V. ist für uns das richtige. Abenteuerlust packte uns, in Südamerika waren wir alle noch nicht gewesen und den Berichten unserer Vorgänger zufolge gab es bei den Kindern aus den Favelas in Olinda großen Behandlungsbedarf!

Nach unkomplizierter Kontaktaufnahme mit Ruben Beyer, dem 1. Vorsitzenden und der Bestätigung, dass es im Frühjahr 2020 tatsächlich nach Brasilien gehen sollte, stürzten wir uns in die Vorbereitungen. Flüge buchen, Sponsoren anschreiben, Reiseführer wälzen, impfen lassen im Tropeninstitut, portugiesisch lernen… die Liste war lang und es wurde auf jeden Fall auch nach endlich überstandenem Examen nicht langweilig. Die Zeit verging mit all den Vorbereitungen, Examensball, Zeugnisverleihung, Weihnachten etc. wie im Fluge und ehe wir uns versahen, kam der 04. Februar und wir standen abflugbereit mit all unserem Gepäck erwartungsvoll am Flughafen in Frankfurt. Die Aufregung war riesig und wir freuten uns wahnsinnig auf die Zeit, die vor uns lag. Es war tatsächlich ein kleiner Aufbruch ins Ungewisse.

Um uns den Start in Brasilien etwas zu erleichtern und die Gelegenheit in diesem tollen Land zu sein nutzen zu können, verbrachten wir noch einige Tage in Rio de Janeiro. Wir waren schon hier begeistert von der Herzlichkeit der Brasilianer und konnten uns ein wenig ans Klima gewöhnen.
Hier trennten sich dann allerdings unsere Wege. Zwei von uns waren in der Station in Igarassu eingeteilt. Für uns, Henri und Kati, ging es nach Olinda. Am Flughafen wurden wir herzlich empfangen und ins Kloster gebracht, das für die nächsten Wochen unser Zuhause sein sollte. Zugegebenermaßen war die Sprache, vor allem am Anfang, eine recht große Barriere. Wir hatten uns zwar die Grundzüge der portugiesischen Sprache angeeignet, doch für eine tiefergehende Unterhaltung reichte es leider nicht. Sowohl mit Englisch als auch Spanisch kommt man im Kloster nicht wirklich weiter, jegliche Unterhaltung kann nur auf Portugiesisch stattfinden – oder eben mit Hand und Fuß oder Google-Übersetzer. 🙂 Im Laufe der Zeit kamen wir aber immer mehr rein und verstanden von Tag zu Tag mehr! Also keine Sorge, das ist auch wirklich eine großartige Erfahrung!

Aber zurück zu Olinda: wir waren in einem separaten Bereich des Klosters untergebracht, hatten jeder ein eigenes kleines Badezimmer und sogar Klimaanlagen – was für ein Luxus!! Außer uns lebten noch drei sehr liebe Nonnen im Kloster. Tagsüber kamen die Mädchen, die hier unterrichtet wurden, die Lehrerinnen, Köchinnen und andere Angestellte, allesamt sehr herzlich! Drei Mal am Tag wurden wir mit Essen versorgt, außerdem zwischendurch mit Säften, Kuchen, Kaffee und Keksen – verhungern tut in Olinda keiner!
Wir richteten uns also in unserem kleinen Behandlungszimmer ein, sortierten alle Materialien, die wir mitgebracht ein, machten uns mit Kompressor, Steri und Behandlungseinheit vertraut und dann ging es auch schon los: Wir bekamen eine Liste aller Mädchen (alle zwischen 5 und 12 Jahre) und nahmen in der ersten Woche von allen den Befund auf, fluoridierten und übten Zähneputzen. Ab der zweiten Woche wussten wir also genau, welchen Behandlungsbedarf es bei welchem Kind gibt und starteten durch, denn es gab einiges zu tun. Wir legten viele Füllungen, extrahierten Milchzähne und wiesen die Kinder und Eltern an, mehr auf die Zahngesundheit zu achten. Wurzelkanalbehandlungen waren nicht möglich, aber auch so hatten wir alle Hände voll zu tun.

Auch die Kommunikation mit den Mädchen wurde von Tag zu Tag leichter und wir gewannen schnell ihr Vertrauen. Auf den Gängen des Klosters wurden wir oft herzlich umarmt, es schienen sich alle zu freuen, dass wir da waren – was für ein schönes Gefühl! Im Behandlungszimmer hingen einige Listen an hilfreichen Vokabeln und so konnten wir uns recht bald gut verständigen und erklären, was wir vorhatten. Vor allem die Eltern, die häufig mit zur Behandlung kamen, waren sehr dankbar, viele Kinder hatten schon länger Schmerzen oder waren durch Karies in der Front entstellt.
Nach erfolgreicher Behandlung hatten wir für alle Mädchen eine kleine Perle und ein Armband dabei, außerdem verteilten wir viel Zahnpasta und Zahnbürsten.

Unsere Vorgängerinnen hatten eine PowerPoint-Präsentation erstellt, die kindgerecht veranschaulicht hat, wie man richtig Zähne putzt und warum das so wichtig ist, die wir zwei Mal vor den Mädchen und ihren Lehrerinnen gehalten haben.

An den Wochenenden trafen wir uns immer mit den beiden anderen aus Würzburg. Mal besuchten sie uns, mal wir sie und an den meisten Wochenenden fuhren wir mit einem Uber in eine andere Stadt, um möglichst viel von diesem schönen Land zu sehen. Zu empfehlen sind auf jeden Fall die Ilha Itamaraca, Porto de Galinhas und vor allem Pipa mit seinen schönen Stränden, an denen man sogar Delphine sehen kann! Auch Recife ist einen Besuch wert. Unsere Abende haben wir meistens in der Innenstadt von Olinda verbracht, die zum UNESCO Weltkulturerbe zählt. Die Atmosphäre ist so lebensfroh und herzlich, wir haben uns zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt und sind quasi täglich durch die Gässchen geschlendert oder zum Strand gelaufen. Zu Karneval ist in dem beschaulichen Städtchen aber wortwörtlich die Hölle los! Unglaublich, wie sich die Stadt verändert und die Menschen tagelang auf den Straßen feiern! Aus allen Richtungen kommen die Menschen extra nach Olinda, viele behaupten, hier sei der Karneval sogar besser als in Rio und allen anderen Städten Brasiliens.

Unserem Aufenthalt wurde allerdings ein unerwartetes und jähes Ende gesetzt: am 13. März schloss Argentinien aufgrund der Corona-Pandemie seine Grenzen, auch in Europa hatten dies bereits einige Länder getan. Es war abzusehen, dass andere Länder nachziehen würden und so gab es nur noch eine Möglichkeit: Halb überstürzt und teilweise tränenreich brachen wir von einem auf den anderen Tag auf, sagten unseren geplanten Urlaub, den wir an das Projekt anschließen wollten, ab, buchten unsere Flüge um und verließen das Land, viel früher als geplant.

Unserem Aufenthalt wurde allerdings ein unerwartetes und jähes Ende gesetzt: am 13. März schloss Argentinien aufgrund der Corona-Pandemie seine Grenzen, auch in Europa hatten dies bereits einige Länder getan. Es war abzusehen, dass andere Länder nachziehen würden und so gab es nur noch eine Möglichkeit: Halb überstürzt und teilweise tränenreich brachen wir von einem auf den anderen Tag auf, sagten unseren geplanten Urlaub, den wir an das Projekt anschließen wollten, ab, buchten unsere Flüge um und verließen das Land, viel früher als geplant

Ich bin wirklich dankbar dafür, dieses Projekt gemacht zu haben. Wir durften so viele Erfahrungen sammeln, sowohl menschlich als auch fachlich und ich denke oft an die Mädchen und die schöne Zeit zurück, die wir verbracht haben. Vor allem auch jetzt, da gerade Brasilien so schwer getroffen ist von dem Corona-Virus und wir ja gesehen haben, unter welchen Bedingungen die Kinder dort aufwachsen. Als Zahnarzt oder Zahnärztin lässt sich hier auf jeden Fall auch viel Gutes tun.

Falls ihr euch also gerade überlegt, ob ein Aufenthalt nach dem Examen das richtige ist, kann ich euch das zahnärztliche Hilfsprojekt und vor allem auch Olinda nur empfehlen!

DANKE an alle Sponsoren, die uns mit Sachspenden so großzügig unterstützt haben!