Probleme und Komplikationen bei Auslandsfamulaturen
Zum Thema „Probleme und Komplikationen bei einer Auslandsfamulatur“ wurde diese Übersicht zusammengestellt, die sich hauptsächlich auf Famulaturen in Ländern des Globalen Südens bezieht, bei denen Studierende der Zahnheilkunde und Jungapprobierte eigenverantwortlich zahnärztliche Behandlungsmaßnahmen durchführen. Die Vorbereitung für solche Auslandseinsätze sind außerordentlich wichtig. Besonders wichtig ist ein enger Kontakt zu den entsprechenden Ansprechpartnern in Deutschland, bzw. zu Famulanten, die zu einem früheren Zeitpunkt an der Famulaturstelle gearbeitet haben. Des Weiteren solltest du dir über die Gegebenheiten am Famulaturort informieren. Zusätzlich zu den famulaturgegebenen Vorbereitungen sollten die üblichen Vorbereitungen für eine Auslandsreise getroffen werden. Wir empfehlen, sich auf der Webseite des Auswärtigen Amts aktuelle Informationen zum Zielland einzuholen.
Nichtanmeldung vor Ort
Nach der Bestätigung über den Zeitpunkt der Famulatur solltest du dir mindestens zwei Adressen von Ansprechpartnern vor Ort (möglichst mit privater Telefonnummer) schriftlich geben lassen, die über die geplante Famulatur und den Zeitpunkt der Anreise informiert sind. Es empfiehlt sich ca. 10 Tage vor Famulaturbeginn einen persönlichen Kontakt (nicht mit Mail oder Brief) zu dem entsprechenden Ansprechpartner herzustellen und die letzten Unklarheiten zu besprechen (evtl. mit Dolmetscher:in).
Zollprobleme
Informiere dich rechtzeitig über die Ein- und Ausfuhrbestimmungen, insbesondere für Medikamente und medizinisches Material. Kläre bereits in Deutschland, ob Zollerklärungen oder Spendenbescheinigungen erforderlich sind. Transportiere ausschließlich dein eigenes Gepäck und keine ungeprüften Gegenstände oder Pakete für Dritte.
Gepäck
Beachte die Gepäck- und Transportbestimmungen der Fluggesellschaft. Brennbare, ätzende oder giftige Substanzen dürfen im Flugzeug nicht mitgenommen werden (hierunter fallen u. a.: Wasserstoffperoxid, Spiritus, Alkohol 70-96%, Quecksilber). Medizinisches Material sollte sorgfältig verpackt und eindeutig beschriftet sein. Sicherheitshalber Ersatz-Paketband ins Handgepäck packen damit ggf. nach der Zollkontrolle alles gut verschlossen werden kann. Material zum Eigenschutz (Handschuhe, Mundschutz, Schutzbrille, o. ä) gehört ebenso wie eigene Medikamente und Kopien der wichtigsten Dokumente ins Handgepäck. In manchen Fällen könnte eine Reisegepäckversicherung sinnvoll. Es kommt leider immer wieder vor, dass Koffer oder Spendenpakete verspätet oder gar nicht ankommen. Die Versicherung zahlt in diesem Falle eine bestimmte Summe des privaten Gepäckwertes. Für eine Famulatur ist aber das Abhandenkommen von Behandlungsmaterialien sehr ärgerlich, da möglicherweise das Material vor Ort fehlt und so bestimmte Behandlungsmaßnahmen nicht möglich sind.
Überfall
Passe dich möglichst den örtlichen Gegebenheiten an und trage Wertsachen unauffällig. Leiste bei einem Überfall keinen Widerstand und erstatte anschließend Anzeige bei der örtlichen Polizei.
Sprachliche Verständigungsprobleme
Grundlegende Sprachkenntnisse erleichtern den Alltag und die Patientenkommunikation erheblich. In vielen Einsatzländern werden nur geringe Englischkenntnisse vorausgesetzt. Daher kann es sinnvoll sein, sich vorab mit der Landessprache zu beschäftigen oder eine Übersetzungs-App zu nutzen.
Kulturelle und soziale Verständigungsprobleme
Oftmals erleben Famulant:innen zum ersten Mal fremde Kulturen. Vor dem Reiseantritt empfiehlt es sich, in entsprechenden Reiseführern über Besonderheiten informieren (z. B. Verhalten in Kirchen, Klöstern, Gastfamilien). Es sollte auch daran gedacht werden, dass für manche Kulturen die Rolle der Frau in der Gesellschaft eine andere ist. Zu beachten ist, dass bei einigen Kulturen verschiedene Vodookulturen als Religionen existieren. Der (im guten Gewissen) mitgegebene oder in den Abfall geworfene extrahierte Zahn kann so zu großen Problemen führen. Über mögliche Probleme von intimen Beziehungen zu Einheimischen sollte man sich im Klaren sein. Ein unangemessenes Verhalten kann eine Famulaturstelle dauerhaft zerstören oder zumindest für nachfolgende Famulanten restriktive Verhaltensregeln nach sich ziehen.
Erkrankungen
Eine gut ausgestattete Reiseapotheke mit Medikamenten für häufige Beschwerden sollte zur Grundausstattung gehören. Jegliche Erkrankung vor Ort sollte übrigens gut auskuriert werden, bevor es wieder mit der Arbeit los geht. Dass die allgemein üblichen Vorssichtsmaßregeln beim Essen und Trinken eingehalten werden sollten, versteht sich von selbst. Problematischer ist die Situation bei ernsthaften oder lebensbedrohenden Erkrankungen, da der medizinische Standard bei der Maximalversorgung in vielen Ländern nicht dem Gewohnten in Deutschland entspricht. Es ist zu empfehlen, sich bei entsprechenden Instituten über notwendige und sinnvolle Impfungen zu informieren. An eine entsprechende Krankenversicherungen für den Auslandsaufenthalt ist ebenso wie auf eine Reiserückholversicherung zu denken.
Fachliche Probleme
Prinzipiell sollten nur verantwortungsbewusste Personen einen Auslandsaufenthalt mit selbständiger zahnmedizinischer Tätigkeit durchführen. Hierzu gehört auch ein entsprechendes Maß an fachlichem Wissen und eine gewisse Behandlungserfahrung (besonders im chirurgischen Bereich). Die Kenntnisse aus den ersten Behandlungssemestern reichen im Regelfall aus, um mit konservierenden Maßnahmen eine adäquate Therapie durchzuführen. Im chirurgischen Bereich sollte sich auf jeden Fall schon vor der Famulatur Wissen und Fähigkeiten angeeignet werden, um auch unerwartete Situationen meistern zu können. Es sollten nur Therapiemaßnahmen durchgeführt werden, die man in Theorie und Praxis beherrscht. Unter den schwierigen Bedingungen mit suboptimaler Gerät und Materialausstattung (z. B. fehlende Röntgeneinrichtung, ineffiziente Absaugungsmöglichkeiten) ist es nicht zumutbar, dass Eingriffe durchgeführt werden, die kein voraussagbares positives Ergebnis haben. Vor den ersten Behandlungsschritten sollte sich der Behandler oder die Behandlerin über die Möglichkeit einer qualifizierten Hilfe informieren. Oftmals sind praktizierende Kolleg:innen vor Ort sehr aufgeschlossen und gerne behilflich (eventuell gegen Bezahlung des Eingriffes). Prinzipiell sollte man sich an folgende Regel halten: Ein Fehler, den man nicht korrigiert ist ein zweiter Fehler. Diese Verantwortung sollte sich auf jede:n Patient:in erstrecken, egal ob in Deutschland oder im Ausland. Die Behandlungen können nicht mit der in einer modernen Praxis oder Universitätsklinik in Deutschland verglichen werden. Oftmals muss improvisiert und von bekannten Behandlungsrichtlinien abgewichen werden.
Allgemeinmedizinische Probleme
Als Zahnmediziner:in muss man auch für eventuelle Notfälle (vor allem während der Behandlung) gewappnet sein. Ein entsprechendes Wissen über Notfalltherapiemaßnahmen (allergische Reaktion, Epilepsie, etc.) ist möglicherweise lebensrettend.
Technische Probleme
Einem technisch begabten Menschen fällt es leichter, mit den zum Teil sehr einfachen Behandlungseinheiten zurechtzukommen und bei kleineren Defekten selbst Reparaturen durchzuführen. Soweit verfügbar, sollte vor den ersten Behandlungen Arbeitsanleitungen und Gerätebücher gelesen werden. Die Ansprechpartner vor Ort erklären gerne die Funktion und den Gebrauch von fremden Geräten. Gleiches gilt auch für unbekannte Materialien und Medikamente. Sehr wichtig ist eine adäquate Pflege der Behandlungsgeräte und der sorgsame Umgang mit der vorhandenen Einrichtung. Es gibt kaum etwas Ärgerlicheres, als (ohne schnellen Ersatz) in der ersten Famulaturwoche mit einer defekten Turbine vor unzähligen kaputten Zähnen zu stehen.
Material Probleme
In einigen Stationen, die regelmäßig von deutschen Famulanten besucht werden, gibt es ein Übermaß an unsinnigen Instrumenten, Materialien und unbrauchbaren Medikamenten. Leider ist oft die Dentalindustrie daran schuld, da eine „Spende“ eine günstige „Entsorgung“ für nicht verkaufsfähige Ware darstellt. Unerfahrene Behandler nehmen so unkritisch kiloweise Material mit und trauen sich nicht, sinnlose und abgelaufene Materialien zu vernichten bzw. wieder nach Deutschland mitzunehmen. Leider fehlen oftmals vor Ort wichtige und notwendige Materialien, da sich der Famulant oder die Famulantin zu wenig Gedanken über die Art der vor Ort durchführbaren Therapien gemacht hat. Als Hilfestellung ist eine Liste anhängig, wie eine eigenverantwortliche Famulaturstelle bestückt sein sollte, um eine konservierende und chirurgische Basisversorgung gewährleisten zu können. Ein leidiges Thema ist der Umweltschutz. Wir empfehlen, dass die selbst verursachten gesundheitsgefährdeten Abfälle mit nach Deutschland zurückgebracht werden sollten. Das Wegwerfen in den normalen Abfalleimer bedeutet manchmal, dass dieser Müll kurze Zeit später hinter der Klinik wiederzufinden ist – gleiches passiert auch mit Abwässern. Manchmal sind Krankenhäuser auf diese Art der Müllentsorgung angewiesen, da es vor Ort keine entsprechenden Müllentsorgungseinrichtungen, etc. gibt.
Sonstige Tipps
Auch bei guter Vorbereitung gibt es immer wieder Überraschungen während einer Auslandsfamulatur, die mit Improvisationstalent bewältigt werden müssen. Hier noch einige wichtige allgemeine Punkte: Mückennetze und Mückenspray (für Moskitogebiete) mitnehmen. Steckeradapter sollten ebenso wie Taschenlampe und ausreichend Batterien/Akkus mit Ladegerät zur Grundausrüstung gehören. Auch die Stromversorgung (zwischen 110 -240 Volt) kann innerhalb eines Landes stark variieren. Sowohl der mitgebrachte Föhn, wie auch zahnärztliche Geräte (Poly-Lampe, Kapselmischer, etc.) können so in Sekunden zerstört werden.