2019: Jamaika

2019: Jamaika

Von: Stephanie Gorschegg (Uni München)
Organisation: Tobias Bauer, DIANO e.V.
Zeitraum: 28.07.19 – 27.08.19

Insgesamt blicke ich auf die vergangenen 41/2 Wochen positiv zurück, wenngleich diese oft ein auf und ab waren. Geprägt von einigen Enttäuschungen war ich zwischendurch recht unglücklich, weil es einfach nicht lief wie erwartet bzw. wie versprochen. Tobias Bauer, der Gründer der Organisation DIANO, stellte den Kontakt zu Dr. Mckenzie, dem Chief Dental Officer des Ministry of Health and Wellness auf Jamaika, her. Dr. Mckenzie hat 2010 das Zahnmedizinstudium auf Jamaika eingeführt und arbeitet hart an der Entwicklung und Verbesserung der Zahngesundheit der Bewohner des Landes. Ein halbes Jahr vor unserem Aufenthalt haben wir begonnen Kontakt zu Tobias aufzunehmen, langsam alles in die Wege zu leiten sowie uns auf Spendensuche zu begeben. Bei Letzterem waren wir leider nicht erfolgreich weshalb wir schließlich ohne Spendenkoffer losreisten.

Angekommen sind wir zwei Mädels, Steffi aus Hamburg und ich aus München, am 27.07.2019 in Montego Bay. Der Sangster International Airport ist der internationale Verkehrsflughafen von Montego Bay auf Jamaika und noch vor dem Norman Manley International Airport in Kingston der größte des Landes. Abgeholt wurden schließlich nach 1 1/2 Stunden und erreichten nach einer ca. 3 stündigen Fahrt Kingston. Als Heimat von 650.000 Menschen ist die Hauptstadt ein pulsierender Ort, in welcher Armut und Reichtum eng beieinander liegen. Steffi, meiner Mitfamulantin, ging es seit unserer Ankunft nicht gut. Die Hitze machte ihr sehr zu schaffen, sowie die psychische Belastung aufgrund von familiären Problemen Zuhause. Das alles hat sich auf ihre Gesundheit ausgewirkt, weshalb sie nach 4 Tagen beschloss die Famulatur abzubrechen und wieder nachhause zu fliegen. Diese Umstände haben die erste Zeit auf Jamaika natürlich getrübt. Da ich nicht alleine bleiben wollte hat mich der Gedanke alles abzubrechen natürlich auch kurz gestreift, aber nur kurz, weil ich mir mein Abenteuer nicht nehmen lassen wollte. Ich entschied zu bleiben.

Die Famulatur, ausgehend von Dr. Irving Mckenzie, lief leider schleppend an. Als wir ankamen war noch nichts organisiert, die Einteilung, in welcher Woche wo gearbeitet werden sollte, mit wem, etc. wurde von Dr. Mckenzie an unseren ersten beiden eigentlichen Arbeitstagen verfasst und wir durften ihm dabei in seinem Büro sitzend zusehen. Darauf folgten 2 Feiertage, ergo wieder keine Arbeit. Der erste Ausflug in das Landesinnere zusammen mit Dental Hygienikerinnen fiel auch ins Wasser da die „Räumlichkeiten“ vor Ort keine Behandlung zuließen. Kein Wasser, keine Stühle, keine Möglichkeit irgendwie behandeln zu können. Die ersten Eindrücke waren deswegen recht enttäuschend, nichts wurde ordentlich organisiert, keiner konnte mit Zeitangaben umgehen und ich, hochmotiviert wurde immer wieder vertröstet es würde ja noch so vieles auf mich zu kommen. Mit meiner Unmenge an Freizeit konnte ich nichts anfangen, da ich das Haus nicht alleine verlassen sollte und man deswegen immer auf jemanden angewiesen war, der einen mitnimmt. Vielleicht lag es auch daran, dass ich alleine war, keine Gruppe hatte die sich gemeinsam durchsetzt und etwas organisiert. Meist sind die Jamaikaner leider so, dass sie im Moment alles bejahen, „Yea man“, versprechen Dinge, die dann aber nicht gehalten werden. Die Unverlässlichkeit war oft sehr enttäuschend, aber man ist ja Gast also muss man die Dinge annehmen wie sie sind.

Ab Woche 3 ging es dann endlich richtig los. Ich war auf einer Health Fair dabei, zu deutsch „Gesundheitsmesse“, bei der mobile Einheiten meist in Schulen oder anderen öffentlichen Einrichtungen aufgebaut werden und kostenlose Behandlungen wie Cleanings, Extraktionen und manchmal auch Füllungen angeboten werden. Auf unserer Health Fair wurden Clearings und Extraktionen angeboten, was eine tolle Erfahrung für mich war. Ich wurde danach auch täglich in das Olympic Garden Health Center gebracht. Die Behandlungen in den Health Centern in Kingston werden von der Regierung finanziert und sind für die Bevölkerung kostenlos. Im Olympic Garden Health Center werden nur Extraktionen angeboten, weil die Sauganlage „aktuell“ nicht funktionierte. Es gibt Health Center die auch Füllungen anbieten, jedoch hat zur Zeit meines Aufenthaltes keine der Sauganlagen funktioniert, weshalb die Bevölkerung gezwungen ist sich privat bei einem Zahnarzt vorzustellen. Der Großteil der Menschen kann sich dies aber nicht leisten, weshalb sie davon absehen und erst dann wieder vorstellig werden wenn eine Extraktion indiziert ist. Endodontie wird garnicht erst in Erwägung gezogen, weil die Kosten bei einem privaten Zahnarzt den Wert des Zahnes übersteigt. Im Olympic Garden Health Center war ich unter der Aufsicht von Dr. Laird, ein junger Zahnarzt, welcher selbst erst 2017 graduierte. Dort konnte ich endlich wirklich arbeiten und auch einiges lernen. Dr. Laird extrahierte wie kein anderer je zuvor, die Geschwindigkeit und die gezielten Bewegungen liesen mich staunen. Es ärgerte mich schon sehr, dass es fast 2 Wochen dauerte bis ich endlich einem Arbeitsplatz zugeteilt wurde sowie einen regelmäßigen Tagesablauf erwarten konnte. Die Arbeit im Olympic Garden Health Center hat mir sehr viel Spaß bereitet und ich konnte mir vieles aneignen und habe das Extrahieren gut praktizieren können, jedoch hätte ich auch dort mit mehr gerechnet. Die Behandlungen starteten gegen 10 Uhr und wir waren in der Regel um 13 Uhr mit allen Patienten die für diesen Tag einbestellt waren, durch. Der restliche Tag war wieder zur freien Verfügung.

Ab Woche 3 wurde auch an den Wochenenden etwas unternommen. Ich habe nette Leute kennengelernt, die mit mir einige Ausflüge unternahmen. Wir haben Ocho Rios besucht, schöne Strände gesehen und den Dun’s river hochgeklettert. Auch das Bob Marley Museum wurde besucht, sowie ein Eis genossen im berühmten Devon House. Alleine die Autofahrten durch Downtown und seine Ghettos war ein Abenteuer, dessen Eindrücke ich nie vergessen werde. Was die Freizeitplanung angeht sollte man auch bedenken, dass obwohl Kingston eine Küstenstadt ist, Strände relativ weit weg sind. Die Strände um Kingston sind auch nicht die Strände, die man sich von Jamaika erwarten würde. Die richtig schönen weißen Strände, liegen sehr weit weg, sowie auch die meisten Attraktionen weit außerhalb von Kingston über die gesamte Insel verteilt sind, was es oft schwierig macht diese zu erreichen wenn man mit seinem Studentenbudget unterwegs ist.

Ein weiterer Grund für meine nicht durchwegs positive Resonanz ist, dass ich nicht am Great Shape Projekt teilnehmen konnte. Bisher hatte jeder deutsche Famulant die Möglichkeit bekommen und davon geschwärmt. Great Shape sind amerikanische Zahnärzte, die sehr gut ausgestattet durch die Karibik ziehen und neben Extraktionen auch konservative Behandlungen anbieten. Great Shape kam auf Jamaika 5 Tage vor meinem Abflug an. Für diese letzten 5 Tage gab es auch keinen Platz mehr für mich, obwohl Dr. Mckenzie seit über einem halben Jahr wusste, dass ich kommen würde. Man hätte meiner Meinung nach mit mir kommunizieren sollen, wann die beste Zeit wäre nach Jamaica zu kommen um Great Shape volle 2 Wochen erleben zu dürfen, dies konnte ich schließlich nicht wissen.

Rückblickend war meine Famulatur aber eine tolle Erfahrung. Sehr viele Dinge sind nicht so gelaufen wie erwartet, ich konnte bei weitem nicht so viel arbeiten und lernen wie ich erwartet hatte und habe auch sehr viel Zeit irgendwie totschlagen müssen. Trotz alledem war es eine unvergessliche Zeit mit wunderbaren eindrücken, von denen ich noch mein ganzes Leben zerren werde. Mein Aufenthalt auf Jamaika hat mich als Mensch wahnsinnig weitergebracht. Die herzlichen Menschen, die ich kennenlernen durfte und deren durchwegs glückliche und offene Art werde ich nie vergessen. Ich habe mich immer wohl auf Jamaika gefühlt, war nur oft etwas unterfordert. Ich kann Jamaika auch wirklich empfehlen, WENN man zusätzlich noch am Great Shape Projekt teilnehmen kann. Das sollte man unbedingt im Vorhinein abklären. Great Shape in Kombination mit der Arbeit in den Health Centern vor Ort bietet eine tolle Abwechslung und viel Praxis.