Von: Duc Nguyen Duy und Christian Schouten (Universität Marburg)
Organisation: Mini Molars Cambodia e.V.
Zeitraum: 05.08.19 – 06.09.19
„Mir ist leider mein Reisepartner abgesprungen.“
Dass Christians Famulaturpartner kurzfristig die Reise absagen musste, war blöd aber gleichzeitig für mich die Möglichkeit eine Gelegenheit beim Schopf zu packen. Ich heiße Duc Nguyen Duy und bin seit drei Semestern ZAD-Leo der Philipps Universität Marburg. Der Gedanke zahnmedizinische Erfahrungen im Ausland zu machen, begann als vage Idee im 1. Semester und festigte sich mit jedem weiterem neuem Famulatur-Bericht an unseren ZAD-Abenden. Christian nahm im Sommer vorangegangen Jahres Kontakt mit der Organisation „Mini Molars Cambodia e.V.“ auf und erhielt von Dr. Zuschlag und seiner kambodschanischen Frau Sambo, den Gründern des Projekts nach nur wenigen Wochen eine Zusage. Informationen und Antworten auf unsere Fragen erhielten wir über E-Mail und Facebook beantwortet. Auch die kurfristige Änderung hinsichtlich der Projektteilnehmer gestaltete sich problemlos.
Die Anmeldung beim ZAD gelang Dank der ausführlichen Unterstützung von Fr. Bungartz sehr zügig. Beim Einreichen der Unterlagen beim DAAD waren wir noch sorgfältiger, da deutlich darauf hingewiesen wurde, dass unvollständige Unterlagen ohne Ausnahme zu einer Absage führen. Hier gilt sorgfältig die Homepage mit den Anforderungen einzustudieren! In den letzten Jahren haben die Famulatur-Teilnehmer unserer Universität eine Liste mit Firmen gesammelt, mit denen die Famulatur-Studenten gute Erfahrungen gemacht haben und mit dentalen Materialien und Hygieneartikeln unterstützt worden sind. Die Kontaktaufnahme mit den dentalen Firmen ging am effektivsten via E-Mail, nach einigen Tagen trafen schon die ersten Sponsoren-Pakete ein. Anästhetikum und Zubehör dazu haben wir per Post verschickt (DHL, 45,00€), alles andere an Materialien wollten wir per Handgepäck transportieren. Ebenso konnten wir auch einige Unternehmen zu Geldspenden für das Projekt bewegen. Hierbei lohnt es sich den Blick nicht auf die Dentalfirmen zu versteifen, sondern auch Firmen aus ganz anderen Branchen zu fragen. Über notwendige Schutzimpfungen ließen wir uns vom örtlichen Tropenmediziner aufklären. Die anfallenden Impfkosten mussten wir selbst tragen, hatten aber dank unserer Krankenkassen die Möglichkeit gehabt, sie teilweise zurück erstattet zu bekommen. Um eine Auslandskrankenversicherung zu erhalten gibt es verschiedenste Möglichkeiten, wir haben uns für die der Krankenkasse entschieden. EU-Bürger benötigen für Kambodscha ein Visum, welches wir bequem online für 30$ beantragen konnten und bei der Einreise ausgedruckt bei uns hatten. Nachdem alles gepackt war, konnte es endlich losgehen.
Nach gut 16 Stunden Reisezeit mit Thai-Airlines sind wir in Phnom Penh International Airport gelandet. Dort haben wir für 15$ ein Taxi genommen, welches uns direkt zu unserer Unterkunft brachte. Für unseren langen Aufenthalt in Phnom Penh haben wir uns für ein Appartement entschieden, welches wir über AirBnB mieteten. Gleich am nächsten Tag ging unser Einsatz bei Mini-Molars los und pünktlich zum Arbeitsbeginn um 08.00 Uhr standen wir vor der Klinik. Ein Tuk-Tuk, das landesübliche Taxi, brachte uns im typischen Kambodscha-Stil zur Arbeit. An der uns mitgeteilten Anschrift angekommen stand ein riesiges Tor, welches den Eingang zu einem Tempel-Areal darstellte. Während uns beim durchlaufen des Innenhofs einige Mönche musternd entgegen kamen, entdeckten wir hinter einer Klosterhalle ein kleines grünes, mit Wellblech überdachtes Gebäude. Hinter einem großen Baum erkannten wir das Schild „Mini Molars e.V.“ mit den Flaggen von Deutschland und Kambodscha darauf abgebildet. Spätestens als wir in grünen Kittel eingekleidete Personen entdeckten wussten wir: hier sind wir richtig. Wir wurden vom Team erwartet, unsere Namen standen auf der Tafel der „volunteers this month“. Das Personal bestand aus einer Zahnärztin und drei Helfer/innen. Das Team war sehr jung, die 26 Jahre alte Ärztin sprach fließend Englisch, die Assistenzen waren im Schnitt 20 Jahre alt und besaßen englische Grundkenntnisse. Wir stellten uns kurz einander vor, dann führte uns das Mädchen für die Verwaltung in der Klinik herum. Es gab drei Behandlungseinheiten und alle Arten von Instrumentarien und gängigen zahnmedizinischen Materialien. Passende Arbeitskleidung wurde gestellt und wöchentlich gewaschen. Von Anfang an ist uns aufgefallen, wie freundlich und herzlich das Team zu uns und auch untereinander ist.
Der Hauptteil der Patienten waren Kinder und Jugendliche, die kostenfrei von Mini-Molars behandelt werden. Diese stellten sich teils mit ihren Eltern in der Zahnklinik vor, andere kamen – organsiert von der Schule – in Gruppen von 10-15 zu Mini-Molars. Auch Erwachsene wurden gegen ein kleines Honorar zahnmedizinisch versorgt. Dank unserer Helfer/innen wurden Gespräche mit Patienten einigermaßen verständlich ins Englische übersetzt. Wir lernten über die Zeit einige Wörter Khmer, um sich zu begrüßen, nach Schmerzen zu fragen und den Patienten anzuleiten den Mund zu öffnen.
In den Behandlungen haben wir anästhesiert, Füllungen gelegt, Zähne extrahiert und einige Wurzelkanalbehandlungen durchgeführt. Dabei besaßen wir sehr viel Freiraum, was die Behandlungsschritte und Therapiewahl anging. Viele Techniken aus unserer Lehre fanden wir in der kambodschanischen Klinik wieder, einige Methoden haben wir neu beigebracht bekommen. Die Ärztin war immer präsent, war jederzeit offen für Fragen und hat den einen oder anderen Fall mit uns gemeinsam behandelt. Die Helferinnen und der Helfer waren sehr hilfsbereit und eine kompetente Unterstützung. Sie waren immer interessiert, wenn wir ihnen Tipps fürs optimale Assistieren und fachliches Wissen mitgeteilt haben. Ebenfalls halfen wir der Klinik Ordnung und Organisation der Materialien zu Verbessern zBsp. das Erstellen von Behandlungs-Sets, um den Behandlungsablauf zu optimieren. Es herrschte durchgehend eine gelassene, super Atmosphäre in der Klinik. Was nicht zuletzt auch den Kindern zu verdanken war, da sie als Patienten trotz Schmerzen in der Regel sehr ruhig blieben und die Behandlung gut vertrugen. Gegen Mittag wurde der letzte Patient aufgerufen und dann war gegen 13:00 Uhr Feierabend. Wir haben sehr gerne in der Klinik gearbeitet und auch wenn sich einige Standards in Phnom Penh von den gewohnten in Deutschland unterscheiden, haben wir uns gut in den Behandlungsalltag integriert.
Eine besondere Erfahrung waren die Missionen. An einigen Tagen im Monat stand der Besuch von Schulen eines Partner-Hilfsprogramms im Vordergrund. Die Klinik besaß zwei mobile Einheiten und hatte einen Koffer mit Instrumenten und Materialien vorbereitet. Von der Klinik aus sind wir sind mitsamt der Ausrüstung im Tuk-Tuk zur Mission aufgebrochen. Die Kinder der Schule stammen aus sozial ärmeren Schichten und erhielten von uns eine kostenfreie zahnmedizinische Basisbehandlung.
Die Zeit in Phnom Penh verging sehr schnell. Es hat uns viel Freude bereitet, mit dem Team zusammen zu arbeiten und es war jedes Mal ein tolles Gefühl, nach einer erfolgreichen Behandlung die dankbaren Gesichter der Kinder zu sehen. Wir können nicht oft genug erwähnen, wie wunderbar das Team in Phnom Penh ist. Gemeinsam mit anderen Famulatur-Studenten hatten wir eine tolle Zeit gehabt, was in der letzten Woche mit einem gemeinsamen Abschlussabend zelebriert worden ist. Für uns aus Europa ist das Leben in Kambodscha sehr erschwinglich. Eine vernünftige Mahlzeit gibt es bereits für 4000 Riel (= 1 €) Das kambodschanische Essen ist so lecker, dass wir nur selten den Drang verspürten westlich zu essen. Wir frequentierten nach Feierabend ein einfaches familiär geführtes Stammlokal, wo wir täglich zu Mittag aßen. Nachmittags und an den Wochenenden hatten wir Zeit Stadt und Land in Kambodscha zu erkunden. Bei einem Spaziergang durch die Hauptstadt zeigt sich Phnom Penh in einer Mischung der Gegensätze. Da gibt es den Königspalast mit einem Gebäude, welches nur dafür da ist, damit der König dort auf seinen Elefanten steigen kann, daneben eine Reihe von Hochhäusern mit Leuchtreklamen und ein paar hundert Meter weiter fängt schon ein Slum und türmen sich Plastikberge auf dem Mekong. An einem Wochenendtrip lässt sich viel Natur und Geschichte an Orten wie Kampot, Siem Reap und Battambang erkunden. Besonders atemberaubend waren die Ausblicke von Tempelanlagen, welche wir als Belohnung nach dem Aufstieg vieler schweißtreibender Treppenstufen sehr genoßen.
Christian und ich hatten eine super Zeit in Kambodscha gehabt. Wir haben viele Erfahrungen und Selbstbewusstsein für unser Berufsziel gesammelt und haben ein unscheinbares, aber eindrucksreiches Kambodscha aus nächster Nähe kennenlernen dürfen. Mini Molars Cambodia e.V. ist ein faszinierendes Projekt und wir beide können jedem Studenten diese Famulatur empfehlen, der mit einem wunderbaren Team und in einem wunderbaren Land seinen zahnmedizinischen Horizont erweitern möchte.
TIPP zum Ende: Mit dem Tuk-Tuk kommt man am einfachsten und günstigsten überall hin. Um nicht bei jeder Fahrt den Preis neu verhandeln zu müssen, gibt es die Möglichkeit die Apps „Grab“ oder „Pass“ zu nutzen. Mit beiden kann man sein gewünschtes Ziel eingeben und bequem buchen. Die App zeigt an wie viel die Fahrt kostet. Grab kann man so einstellen, dass man per Kreditkarte zahlt, so braucht man nie auf Kleingeld zu achten, außerdem erhält man Gutscheine, welche Fahrten noch günstiger macht. Pass hat den Vorteil, dass sie in ganz Kambodscha verbreitet ist und nicht wie Grab nur in einigen Städten.
