2021: Nepal

2021: Nepal

Von: Jan Verwoerd und Melih Bayat (Uni Münster)
Organisation: Dhulikhel Hospital
Zeitraum: 15.08.2021 – 12.09.2021

Namaste!

Link zum Beitrag des WDRs über unsere Famulatur (Archiv: https://bit.ly/3HVs3el).

Teil 1: Eine Famulatur in Zeiten der Pandemie – der inländische Prolog

Ich bin Melih Bayat und ich war mit meinem Kommilitonen Jan Verwoerd im August und September 2021, in den Semesterferien nach unserem 9. Semester, am Dhulikhel Hospital in Nepal.

Unseres Wissens waren wir nach der langen, Corona-bedingten, Zwangspause eine der Ersten, die sich wieder ins Ausland zu einer Famulatur wagten.

Leider war die Pandemie im Herbst 2021 aber auch noch lange nicht vorbei, und je nachdem wann du diesen Bericht hier liest, um dich auf deinen Trip vorzubereiten, mag Covid immer noch ein Faktor sein, welcher berücksichtigt werden muss. Die pandemische Lage führte nämlich dazu, dass sich unsere Reiseplanungen, die ja ohnehin schon nicht ganz unaufwendig sind, nochmal massiv verkomplizierten. Wir mussten ja nicht nur das aktuelle, volatile Infektionsgeschehen einzeln jeweils in Deutschland und Nepal verfolgen, sondern auch versuchen zu antizipieren, wie das Zusammenspiel beider Länder wohl sein könnte, wenn wir Anreisen, vor Ort sind und wieder zurückreisen wollen. Der inhärenten Gefahr bewusst, dass all unserer Planungen von einem Tag auf den anderen obsolet sein könnten, probierten wir erst gar nicht konkrete Daten für den Trip festzulegen – alles was wir hatten war nur eine vage Idee, die Sturheit unser illusorisches Unterfangen trotz aller Umstände in die Tat umsetzen zu wollen, und einen gröbsten Zeitrahmen.

Unsere Planungen begannen kurz vor dem Jahreswechsel. Das Sichern der Famulaturstelle war dabei noch die einfachste Übung unserer ganzen Vorbereitung, wir hatten nämlich das Glück, dass zwei unserer Kommilitonen just im März und April 2020 am Dhulikhel Hospital gewesen waren. Dadurch kam auch der Kontakt mit Dr. Dashrath Kafle, dem Leiter der dortigen KFO, zustande. Dr. Dashrath schickte uns nach einer einzelnen Email unserseits, wo wir unseren Willen erörterten eine Famulatur in Nepal, falls irgendwie möglich, durchführen zu wollen, geschwind einen confirmation letter. Diesen nutzten wir ab dann auch als Nachweis für unser Famulaturvorhaben bei der Spendenakquise.

Letztere bekam überdies noch einen massiven Schub als in den Westfälischen Nachrichten ein Artikel über unser bevorstehendes Vorhaben veröffentlicht.

Die weiteren Vorbereitungen bestanden daraufhin aus einem intensiven Dialog mit den verschiedenen Abteilungen unserer Zahnklinik um curriculare Veranstaltungen, deren potenzielles Stattfinden möglicherweise in der vorlesungsfreien Zeit hätte sein können, so zu legen, dass unser Projekt so gut wie möglich gegen solche Risiken sein würde.

Den Großteil der Vorbereitungszeit verbrachten wir trotzdem mit einer oberflächlich defätistischen Grundeinstellung, dass all unsere Bemühung hinfällig sein würden, da sicherlich in letzter Sekunde eine veränderte Sachlage die Durchführung unseres Auslandseinsatzes verhindern würde. Damit unsere Enttäuschung auf unsere Gemüter beschränkt bleiben sollte, zögerten wir jedes monetäre Commitment, so weit praktikabel, erstmal hinaus. So buchten wir unsere Flüge erst wenige Wochen vor Abreise und erledigten unsere Visaangelegenheiten, da das Visa-on-Arrival Regime am Tribhuvan Airport ausgesetzt worden sei, sogar erst einige Tage vor Abflug.

Vorfreudig, aufgeregt aber auch ein bisschen verdutzt, dass wir wohl wirklich unsere Planungen in die Tat werden umsetzen werden können, fieberten wir in den letzten Tagen dem Reisebeginn entgegen. Die Zweifel ließen aber bis zuletzt nicht nach, schließlich waren wir beide mit eine der aller ersten Zahnis Deutschlands, die solch eine internationale Famulatur seit Pandemiebeginn wirklich antreten würden. Dies Rolle als Trailblazer gab uns dann aber zu denken: Von den unzähligen Zahnmedizinstudierenden Deutschlands, die zumindest prinzipiell Interesse daran gehabt hätten eine Auslandsfamulatur durchzuführen und Verantwortung in einem Land des globalen Südens zu übernehmen, sollten wir eine der ganz wenigen sein, die dies auch wirklich machen würden? Schließlich wird man im Zahnmedizinstudium selten dafür belohnt, wenn man alles anders macht als die anderen.

Dieses eine Mal sollte es sich aber ausnahmsweise mal auszahlen. Dadurch, dass wir trotz aller pessimistischer Aussichten und inflationär gestiegenem Aufwand zur Vorbereitung an unseren Einsatzplänen festhielten, standen wir Mitte August nicht nur am Anfang einer ganz besonderen Famulatur, sondern würden am Ende sogar für unser Engagement mit dem Verantwortungspreis der Medizinischen Fakultät Münster ausgezeichnet werden.

Teil 2: Eine Famulatur in Zeiten der Pandemie – das Virus am Fuße des Himalayas

In den Monaten vor Beginn unseres Einsatzes war Nepal wahrlich verheerend vom Coronavius, im Speziellen von der Delta-Variante, heimgesucht worden. Der Großteil der Bevölkerung Nepals lebt im Kathmandutal und im Süden des Landes, wobei Letzteres, Terrai gennant, ein geographisches Kontinuum zur nordindischen Tiefebene bildet.

Dieses geographische Kontinuum spiegelt sich dann auch in einem Kontinuum der Sprache, der Ethnien, der Religion und der Kultur Nepals mit Nordindien wieder. Aber aus dieser Nähe zu seinem großen Nachbar im Süden ergibt sich auch, dass Nepal in einer Schicksalsgemeinschaft mit Indien steckt – als die Deltavariante, Anfangs noch Indienmutante genannt, ebendort wütete dauerte es nicht lange bis die nepalesische Regierung im Zuge des kritischen Zustands der Gesundheitsversorgung für Covid-Kranke, strenge Maßnahmen einführte, um dem Infektionsgeschehen wieder her zu werden. Dazu gehörte unter anderem ein monatelanger quasi-Einreisestopp für alle Ausländer*innen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen kam niemand mehr ins Land – vernichtend für eine Volkswirtschaft, deren zweitgrößter Wirtschaftszweig der Fremdenverkehr ist.

Als wir Mitte August ankamen wäre zwar auch schon wieder die Einreise für Tourist*innen in der Theorie möglich gewesen aber die Hürden waren so hoch, dass wir tatsächlich mehrere Wochen brauchten um nach unserer Ankunft erstmals auch Menschen überhaupt zu erblicken, welche als fremdländisch gelesen werden konnten – eigentlich ein unvorstellbares Vorhaben in der Zeit prä-Covid angesichts der Tatsache, dass wir uns in der Nähe von Kathmandu befanden, immerhin eine Hauptstadt mit ca. 1,4 Millionen Einwohnern und internationalen Flughafen.

Auf Grund der Unvergleichbarkeit unserer Situation vor Ort können wir daher auch keine qualifizierte Aussage darüber treffen, ob unsere Erfahrungen deckungsgleich wären mit jemanden, der zu normaleren Zeiten reist.

Was uns jedenfalls aufgefallen ist, ist das wir Auffallen. Erwartungsgemäß zieht man die Aufmerksamkeit von Taxifahrern und Straßenhändlern an aber auch von Leuten die einen auf offener Straße spontan ansprechen und darum bitten, ob sie ein Foto mit einem machen dürfen. Am Anfang verunsichert das noch einen aber nach dem x-ten Mal ist dies auch schnell Bestandteil des Alltags.

Ansonsten sind die Leute in Nepal, im Speziellen in Dhulikhel und nochmal im Speziellen in der Zahnklinik wirklich lieb, nett, freundlich und hilfsbereit, und zwar über alle Alters- und Hierarchieebenen hinweg. Dazu kommt, dass die Zahnmediziner*innen ihre Kunst wirklich beherrschen und, soweit wir das beurteilen können, hochqualitative, evidenzbasierte Zahnheilkunde auf hohem Niveau betreiben, mit der Einschränkung, dass die personelle und materielle Ausstattung oft der begrenzende Faktor ist.

Um letztgenannten Faktor abzumildern nahmen wir so viel an Spendenmaterialien mit wie es nur irgend ging; den Dank den wir dafür von den Menschen vor Ort erhielten möchten wir hier an unsere Sponsor*innen weiter geben:

Komet und Meisinger für die Unmengen an verschiedenen Schleifkörpern, viele davon haben wir erst in Nepal „lieben gelernt“ und fragen uns wie wir vorher je ohne behandelt haben.

DMG für das Provi- und Abformmaterial – dadurch kam es erst zur „17-Kilo Silikon“-Schlagzeile der WN.

3M für das überlebenswichtige Ketac.

Kerr, für den Berg an Kompositmaterial, welcher in seinem Ausmaß mit den Himalaya Gipfel konkurrierte.

ZÄ Preuß aus Münster für die Varietät an zahnmedizinischen Materialien.

Und nicht zuletzt CaptainWorkwear und 7days für unsere Arbeitsbekleidung.

Wir selber konnten in der Zeit, trotz der Vielzahl an Behandlungen, die wir durchführten, auf Grund der Menge nur einen kleinen Bruchteil der Materialien selbst benutzen, sodass der Rest, dank unserer Sponsor*innen, wohl noch hunderten von Patient*innen vor Ort zu Gute kommen wird.

Ganz grundsätzlich haben wir im Dhulikhel Hospital selbstständig als Team behandelt. Wenn wir mal Fragen hatten war aber immer jemand da, der uns fachkundig unterstützen konnte. Die Dental Clinic deckt dabei das gesamte Spektrum der Zahnmedizin ab, neben den klassischen Fachgebieten, die man aus Deutschland kennt, gibt es auch eigene Abteilungen für Pediatric Dentistry, Oral Health und Community Outreach. Letzterere ist in den umliegenden Provinzen, durch ausgegliederte Outreach Center, bis teilweise in die ruralsten Gegenden vertreten. Diese Außenposten, welche von temporär besetzten Hütten bis hin zu kleinen Krankenhäusern reichen, ermöglichen erstmals den Einheimischen vor Ort den Zugang zu einer lokalen Grundversorgung, welche sonst oft mehrere Tagesreisen entfernt gewesen war. In Nepal bekommt man ohnehin ein neues Gefühl für Distanzen: eine 30 km lange Autofahrt ist eine Angelegenheit von sechs bis sieben Stunden, sofern man überhaupt ankommt; oft sind ganze Provinzen für Tage und Wochen von der Außenwelt abgeschnitten, weil Erdrutsche die Straßen blockieren. So wurden wir darauf hingewiesen, dass es in der Vergangenheit durchaus schon vorgekommen ist, dass Famulierendengruppen mehrere Wochen lang in solchen Outreach Centern „strandeten“.

Da wir im Anschluss an unsere geplante Famulaturdauer noch einen Puffer eingeplant hatten konnten wir das Risiko eingehen im Ernstfall auch mal eine Weile von der Außenwelt abgeschnitten zu werden und so entschlossen wir uns zum Community Outreach Center nach Dolakha aufzubrechen.

Die Anreise zum Dolakha Hospital, welches eines der größten Satelliten des Dhulikhel Hospitals ist und ein kleines, aber respektables Krankenhaus darstellt, dauerte die obengenannten sechs bis sieben Stunden mit dem Offroader. In Dolakha gibt es einen einzelnen Resident vor Ort, der durch Interns des Dhulikhel Hospitals unterstützt wird. In Nepal ist das Zahnmedizinstudium am angelsächsischen Model orientiert, sodass sich nach dem Grundstudium das sogenannte Internship anschließt wo die Studierenden, ähnlich dem PJ in Deutschland, ein Jahr lang durch alle Fachgebiete rotieren und auch selbst, unter Aufsicht, behandeln. In Dolakha nahmen wir nun die Rolle der Interns ein. In diesem Zuge durften wir in einer der alltäglichen Morning Conferences, an denen die gesamte Belegschaft des Krankenhauses teilnimmt, auch einen Vortrag über das Zahn- und Gesundheitssystem in Deutschland halten und unsere bisherigen Erfahrungen, die wir zu diesem Zeitpunkt mit Nepal gesammelt hatten, mit unserem Wissen aus Deutschland kontrastieren.

Bei Gelegenheit charterten wir einen Offroader und besuchten an einem Tag auch den Kalinchowk Temple, der nur ein paar Stunden entfernt von Dolakha liegt und wegen seiner relativen Abgeschiedenheit selbst unter normalen Bedingungen nur selten von Nicht-Anwohner*innen besucht wird.

Grundsätzlich bietet das Department für Community Outreach je nach Saison unterschiedlichste Programme an. Dazu gehört z. B. ein mobiles Prothesencamp, dass im Rahmen von mehrmaligen Besuchen in verschiedenen Dörfern für die Anwohner*innen Zahnersatz herstellt und eingliedert. Es lohnt sich also auf jeden Fall zu Beginn einer Famulatur einmal im Department nachzufragen was aktuell alles ansteht. Ansprechpartner hierfür ist Dr. Dhalip.

Nach unserer Rückkehr nach Dhulikhel und einer gefühlsseligen Abschiedsfeier ebendort beendeten wir den offiziellen Teil unserer Famulatur und zogen vom Guesthouse des Krankenhauses, wo wir bisher gewohnt hatten, erstmal nach Thamel, dem Innenstadtbezirk von Kathmandu, um. In Thamel befindet sich zu Nicht-Corona Zeiten das Tourist*innen-, Ausgeh- und eben auch das Tourenveranstaltendenviertel von Nepal.

Wir entschieden uns den Annapurna Circuit zu trekken. Im Gegensatz zum Everest Base Camp Trek, der beliebtesten Mehrwochentour in Nepal, spart man sich beim Annapurna Circuit den kostspieligen Flug nach Lukla und man läuft eben einen Circuit, man kommt also nicht zweimal an derselben Stelle vorbei.

Ansonsten können wir den Annapurna Circuit nur vollends empfehlen; das Durchsteigen der Klimazonen, vom subtropischen Regenwald bis zur hochalpinen Zone auf 5416 m auf dem Thorong-La Pass, unter dem Anblick der riesigen Himalayagipfel im tiefsten Tal der Welt, viermal so tief wie der Grand Canyon, ist eine once-in-a-lifetime-experience und mit Nichts zu vergleichen was man in den Alpen, geschweige denn in Deutschland, realisieren kann. Das Einzige, was man sich wirklich nehmen sollte, ist Zeit. Wir beide sind fitte Ausdauersportler, die zudem das Glück hatten mit der Höhe außergewöhnlich gut klarzukommen, aber die 15 Tage, in dem wir den Circuit gedreht haben, waren eine gehetzte Schinderei, wo wir sogar den obligaten Akklimatisationstag sausen lassen mussten. Im Optimalfall hat man so drei Wochen Zeit für den Circuit, so lässt er sich sicherlich angenehm von einer sportlichen Person bewältigen und sollte man doch schneller sein gibt es genügend Sidetrips auf dem Circuit, die man nebenbei absolvieren kann.

Auf der anderen Seite können wir nur strengstens vor dem Annapurna Circuit warnen, und zwar wenn man den Trek zur selben Zeit wie wir absolvieren möchte. Mitte September ist der Monsun oft noch im vollen Gange, exazerbiert durch die immer weiter voranschreitende Klimakatastrophe, was dazu führt, dass eine akute und lebensbedrohliche Gefahr an Erdrutschen besteht. Die Einmalige Gelegenheit den Circuit praktisch ungestört von anderen Trekkenden zu erleben, wurde uns fast zum Verhängnis da das Annapurna Tal wahrlich einem Katastrophengebiet mit dutzenden Landslides, welche jederzeit und ohne Vorwarnung wieder abstürzen können, glich. Das Ausbleiben gleich der letzten paar Seasons, und den damit assoziierten Einnahmen, führte nämlich dazu, dass trotz der vielfältigen Zerstörungen – unzählige Brücken, Straßen und ganze Dörfer waren schlicht weggespült, die Schäden nicht instandgesetzt wurden. Die nicht unrealistische Aussicht kurz davor zu stehen, von einer Schlammlawine lebendig begraben zu werden, während man einen frischen Landslide durchsteigen muss, trübt wahrlich das Trekkingvergnügen auch der größten Frohnatur nachhaltig ein. Wir raten also jedem, den Circuit nur während der Saison zu absolvieren, welche ja nicht grundlos besteht. Denn selbst ohne Coronakrise wird das Ende des Monsuns abgewartet bis mit dem alljährlichen Wiederaufbau begonnen wird. Obendrein spart man sich dabei auch noch die Blutegel.

Was läßt sich abschließlich zu einer Famulatur am Dhulikhel Hospital sagen?

Eigentlich das Beste, was man sich vorstellen kann:

Man befindet sich primär in einer relativ gut ausgestatteten Klinik, welche alle Bereiche der Zahnmedizin abdeckt und bei Bedarf kompetente Unterstützung für einen bietet. Auf Wunsch kann man dann noch an den Outreach Programmen teilnehmen.

Die Lebenshaltungskosten in Nepal sind gering und da sich Dhulikhel im Kathmandutal befindet hat man am Wochenende auch die Chance nach Thamel zu fahren. Dazu kommt, dass die Menschen hilfsbereit und dankbar, aufgeschlossen und kompetent, freundlich und respektvoll sind.

Das Land ist eines der außergewöhnlichsten der Welt und, Saison vorausgesetzt, die absolute Toplocation für Outdoorfans.

Und nicht zuletzt ist eine Famulatur im Dhulikhel Hospital nicht nur auf verschiedensten Ebenen lehrreich, sondern auch in der Hinsicht wirkmächtig, dass man im Rahmen seiner immer noch beschränkten Möglichkeiten als Zahnmedizinstudent*in, durch sein Engagement durchaus einen Benefit für die Menschen vor Ort erzielen kann.

Namaste!

Melih Bayat