Von: Sarah Hils (Universität Freiburg)
Organisation: FCSM e.V.
Zeitraum: 09.08.21 – 17.09.21
Nach wochenlanger Vorbereitung und Wochen der Hoffnung, dass das Projekt trotz Corona stattfinden wird, ging es endlich los. Mein Zielland war von Anfang an Bolivien, da mein Vater aus La Paz stammte und so lagen mir die Menschen und das Land dort besonders am Herzen.
Meine Famulatur trat ich mit gemischten Gefühlen an. Ich freute mich riesig auf das Projekt, andererseits heulte ich wie ein Wasserfall, als es darum ging, mich von meinem 4-Jährigen Sohn für 6 Wochen zu verabschieden. Trotzdem wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war die Famulatur anzutreten und den Menschen dort zu helfen. Seit Beginn des Studiums wartete ich darauf mich endlich nach dem 8.FS bewerben zu können. Nach dem 9.FS war es dann endlich so weit.
Es ging also los nach Zürich an den Flughafen. Von dort aus ging es weiter nach Madrid, wo ich die Zahntechnikerin Sabrina kennenlernte. Von dort an ging es bei mir emotional bergauf. Gemeinsam traten wir unsere Weiterreise über Santa Cruz nach Cochabamba an, wo wir dann von Ekkehard und Doña Adelas Sohn Henry abgeholt wurden. Auf der Autofahrt nach Huancarani, das etwa 35km von Cochabamba entfernt liegt, genoss ich schon die ersten Eindrücke. In Huancarani angekommen, lernten wir Doña Adela, ihren anderen Sohn Wilfredo, seine Freundin Jana aus der Schweiz, ZA Franziskus, der bereits 2 Tage zuvor mit Ekkehard angereist war und die Haustiere kennen. Jana, die schon fast eine Einheimische ist, zeigte uns bei einem Spaziergang die Gegend. Der bolivianische Winter in dem wir uns befanden, war außerordentlich heiß und trocken, nachmittags wurde es windig und nachts kühlte es ab. Mit der Höhe hatten wir Zwei glücklicherweise keinerlei Probleme, immerhin liegt Huancarani auf knapp 2500m über dem Meer. Der Frühling nahte und einige Pflanzen begannen langsam zu blühen. Am nächsten Tag spazierten wir nach Sipe Sipe, einem Nachbarort von Huancarani, wo Ekkehard uns den Markt zeigte und uns zu leckerem Api und Buñuelos einlud.
Am Nachmittag ging es zurück ins Consultorio, wo wir mit den Vorbereitungen begannen. Nachdem aufgrund der Pandemie monatelang keine Behandlungen stattgefunden haben, wurde erst einmal kräftig Material aussortiert, alle Schubladen gesäubert und desinfiziert sowie alle Instrumente sterilisiert. Das Consultorio ist materiell und instrumentell sehr gut ausgestattet. Der Behandlungsraum ist ausgestattet mit einer Behandlungseinheit, einem Röntgenraum, Ultraschall-ZEG, Reziprok und Apexfinder, Autoklaven und Luftfilter. Nebenan befindet sich der „Sala de limpiezas“, der für Zahnreinigungen und Mundhygieneaufklärungen bereit steht und ebenfalls gut mit Materialien ausgestattet ist. Trotz kleinerer Abweichungen zum Standard, den manch einer aus den Praxen in Deutschland gewohnt ist, konnte man meiner Meinung nach sehr gut arbeiten und sich schnell daran gewöhnen. Röntgenbilder werden manuell entwickelt. Insgesamt fand ich das Arbeiten unter anderen Behandlungsbedingungen sehr interessant und auch hilfreich, denn man lernt Kompromisse einzugehen und auch andere Methoden, die man in der Uni nicht lernt. Genauso verhält sich das mit dem Entwickeln der Röntgenbilder. Aus der Uni kenne ich das nur digital, weshalb es umso interessanter war zu lernen, wie man die Bilder manuell entwickelt.
Aufgrund der Coronaverordnungen mussten wir uns in „Quarantäne“ begeben, was bedeutete: keine Behandlungen. Diese wurde jedoch aufgehoben, nach dem jeder nach 7 Tagen einen negativen PCR Test vorweisen konnte: wir durften endlich die ersten Patienten in Empfang nehmen. Sehr zu Freude der Patienten, die es kaum erwarten konnten und superglücklich waren, dass die „Dentistas alemanes“ endlich wieder am Start waren.
Dementsprechend gab es einen regelrechten Ansturm. Unsere Patienten behalte ich, ohne zu übertreiben, als super geduldige, super herzliche und super dankbare Menschen in Erinnerung.
Nach ca. 2 Wochen durfte ich auch aktiv behandeln, dabei wechselten ZA Franziskus und ich uns ab. ZA Franziskus gab mir wertvolle Tipps während den Behandlungen, ich lernte viel von ihm. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mir mit Geduld die Chance gegeben hat, schneller und routinierter zu werden. Ich lernte u.a. auch einen Praxisalltag kennen, den ich bisher auch in dieser Form nicht kannte. Die Patienten kommen ohne Termin, was in Bolivien so üblich ist und werden der Reihe nach behandelt. Teilweise kamen sie von sehr weit her und waren trotz langer Wartezeit (manche standen schon seit 7 Uhr vor dem Tor) sehr geduldig, wo ich den Vergleich zu Deutschland ziehen darf und manche Patienten schon bei 10 Minuten Verzug ungeduldig werden können. Insgesamt hat mich diese Leichtigkeit, Geduld und Lebensfrohsinn dieser Menschen begeistert.
Der Patientenalltag hat mir sehr viel Freude bereitet, die dankbaren glücklichen Patienten haben mir mit einem Lächeln viel zurückgegeben und mir gezeigt und bestätigt, warum genau ich diese Famulatur machen wollte: Um zu helfen, um aktiv etwas zu bewegen. Nach der ersten Woche, die emotional etwas schwierig war, da ich meinen Kleinen sehr vermisste, ging es bergauf und ich genoss die Zeit mit den anderen sehr. Im Nachhinein ging die Zeit rasend vorbei und 6 Wochen sind keine 6 Jahre und ich wusste, mein Sohn genießt seine Zeit mit seinem Papa, Onkel und Großeltern.
Mit Doña Adela lernten wir eine sehr fürsorgliche und herzliche Frau kennen, die sich um uns sorgte, nicht nur mit ihrem täglichen ausgezeichnetem gekochten Mittag- und Abendessen, das wirklich immer sehr lecker war. Sie lebt mit ihrer Familie in der Wohnung neben dem Consultorio. Ihre Haustiere, insbesondere das Katzenbaby Findus, wie wir ihn nannten lagen uns auch sehr am Herzen und waren unsere täglichen Besucher in der Wohnung. Unsere Wohnung war genau über ihrer, wo wir eine Küche, ein Bad und jeder sein eigenes Zimmer hatten. Abends saßen wir noch gemeinsam gemütlich am Tisch. An den Wochenenden unternahmen wir gemeinsame Ausflüge, wie z.B. nach Cochabamba zum Cristo de la Concordia mit Felipe, Doña Adelas Mann (ein Spontanausflug, da wir ihn eigentlich ursprünglich nur auf den Markt begleiten wollten). Mein persönliches Highlight war: die weiße Hauptstadt Sucre. Nachdem uns Ekkehard die Stadt gezeigt hatte, sind wir auf eine geführte Reittour gegangen, die Franziskus für uns alle organisiert hatte. So erkundeten wir u.a. im Galopp das Land um Sucre. Unsere Gesäße spürten wir 2 Tage später noch, trotzdem war es das auf alle Fälle wert. Ein Souvenir der anderen Art. Am nächsten Tag besuchten wir den Markt in Tarabuco, ein kleines Inkadörfchen etwas weiter von Sucre.
Zurück im Praxisalltag, führten wir Füllungen, Extraktionen und Abdrücke für Teilprothesen („placas“) durch. Dabei stand uns ZT Sabrina immer tatkräftig zur Seite, da anfangs wenig Laborarbeit reinkam. Das änderte sich dann schlagartig in den letzten Wochen und es gab eine enorme Nachfrage an placas. Wir arbeiteten teilweise über die Mittagspause und den Feierabend hinaus was uns nichts ausmachte: deswegen sind wir ja gekommen.
Des Weiteren Wochenenden führten uns nach Santa Cruz u.a. ins Biocentro Guembe. Desweiteren luden wir Doña Adela und ihre Familie zu einem Konzert der „Los Kjarkas“ in Cochabamba ein, eine sehr bekannte, wenn nicht sogar die bekannteste Folkloreband Boliviens. Inlandsflüge sind glücklicherweise nicht allzu teuer, so war es mir möglich, an einem Wochenende nach La Paz zu fliegen, um meine dort lebenden Verwandten, die Geschwister meines Vaters, nach 8 Jahren wieder zu besuchen. Insgesamt bin ich immernoch schwer beeindruckt von der Schönheit und Vielfalt Boliviens.
Nach Feierabend sind Sabrina und ich häufiger noch mit den Trufis in die Stadt nach Quillacollo gefahren oder spontan auf einen Rummel (obwohl wir einkaufen wollten), wo wir die Todesfahrt „Kamikaze“ angetreten sind. Anfang September gab es in Huancarani ein mehrtägiges Dorffest, das wir 2 Mal nach Feierabend besuchten. Es wurden verschiedene nationale Tänze wie Tinkus, Morenada und Salay von Jugendgruppen aufgeführt. So lernten wir immer mehr über die Kultur Boliviens kennen und haben gesehen, wie die Bolivianer ihre Kultur, Tänze und Musik feierten und wie lebensfroh sie sind. Mir wurde das Tanzen gelehrt, wobei es nicht so geschmeidig aussah, wie bei ihnen. Aber die Hauptsache war, es hat Spaß gemacht. Die Menschen interessierten sich auch sehr für uns beide „Gringas“ und so kam man immer wieder in Gespräche. An einem Montagabend bereiteten Sabrina und ich gemeinsam mit Doña Adela Api und Buñuelos zu, die wir dann gemeinsam zum Frühstück verzehrten.
In den letzten 3 Wochen kam dann Oralchirurgin Sarah, die mir viel über die Chirurgie beibringen konnte, u.a. ihre „österreichische Rührmethode“. Wir haben uns sehr gut organisieren können, in dem sie für die chirurgischen Arbeiten und ich für die konservierende Zahnheilkunde zuständig war. So bin ich ziemlich viel zum Behandeln gekommen. Gemeinsam haben wir uns überlegt, was für den Patienten die beste Behandlung wäre und so gingen wir die Behandlungen gemeinsam durch. Ein besonderes Anliegen waren mir die Kinder und die Aufklärung der Eltern über Mundhygienemaßnahmen, was nicht nur Zahnputzdemonstrationen enthielt, sondern auch Ernährungsberatung. Es war erschreckend und traurig zugleich zu sehen, was für tief kariöse Gebisse man selbst im Kleinkindalter zu sehen bekam. Teilweise wurden die Zähnchen nur morgens geputzt, Coca-Cola konsumiert, nach der Schule noch ein Lolli reingedrückt und nachts ging es ohne Zähne putzen ins Bett. Dementsprechend sah es dann leider aus. Wir stellten fest, dass viele Eltern nicht wussten, dass sie ihre Kinder beim Zähneputzen bis zu einem gewissen Alter unterstützen müssen („Nachputzen“), oft waren sie stolz und erzählten, dass ihr 3 -jähriges Kind schon ganz allein die Zähne putzt. Manche waren überrascht zu hören, wie ungesund und schädlich Coca-Cola und Softdrinks nicht nur für die Zähne sind. Wir versuchten in Gesprächen darüber aufzuklären, was für Alternativen es gibt oder die Häufigkeit des Konsums zu reduzieren und auch, wie wichtig es ist vor dem Schlafengehen die Zähne zu putzen. Das Benutzen der Zahnseide versuchten wir auch an den Mann/Frau zu bringen. Alle Patienten hörten aufmerksam zu und waren sehr froh über die Aufklärung. Glücklicherweise haben wir über Spenden eine Menge an Zahnbürsten für Kinder und Erwachsene bekommen, so dass jedem Patienten, bei dem es nötig war oder sogar gar keine Zahnbürsten besaßen, noch eine mitgegeben werden konnte, nach einer ausführlichen Zahnputzdemonstration. Natürlich gab es auch Fälle, bei denen man gesehen hat, dass auf Mundhygiene großen Wert gelegt und auch angewendet wird. Oder anders gesagt, wo die Aufklärung frühzeitig da war.
Leider ist es so, dass in der ärmeren Population, wo die Eltern vielleicht selbst nicht die Möglichkeit hatten zur Schule zu gehen, auch die Aufklärung über Mundhygienemaßnahmen fehlt. Woher sollen sie das auch lernen, wenn ihre Eltern es auch nicht besser wussten? So wird das leider an die Kinder weitergegeben. Die Eltern waren einsichtig, haben interessiert zugehört und waren sehr motiviert, das zu Hause sofort zu ändern. Immerhin geht es um ihre Kinder, bei denen man verhindern möchte, dass sie mit 25 Jahren schon eine Prothese brauchen. Sie waren sehr dankbar und wir sehr glücklich darüber, dass wir hoffentlich die Zukunft der Zahngesundheit dieser Kinder positiv beeinflussen konnten. Das Arbeiten mit den Kindern hat mir besonders große Freude bereitet, da manche Kinder schwieriger zu „knacken“ waren und mit Fingerspitzengefühl, Einfühlsamkeit und Geduld es umso schöner war, ihnen dann doch die Angst nehmen zu können. Am Ende haben die Kinder sich ein kleines Geschenklein aussuchen können, manche haben eine kleine Smiley-Medaille bekommen, wenn sie besonders tapfer waren. Mir war vor der Famulatur schon bewusst, dass ich nach meinem Studium ein besonderes Augenmerk auf die Kinderzahnheilkunde legen möchte. Dies wurde mir nach der Famulatur verstärkt bestätigt.
Nach Wochen der Arbeit, die, wie ich nicht oft genug betonen kann, extrem viel Spaß machte, rückte allmählich die Abreise immer näher und unsere Patienten wurden sehr traurig, dass wir in Kürze abreisen würden. Manche Patienten kamen häufiger, waren quasi „Stammgäste“, man kannte ihre Namen und es war schön, sie immer wieder begrüßen zu dürfen. Für sie war ich die „doctorita“ beziehungsweise nannten sie uns im Wartebereich auch die große und kleine Sarah, um uns zu unterscheiden, da wir beide denselben Namen haben.
Der Abschied fiel mir dann doch schwerer als ich zuerst dachte, war dies doch 6 Wochen mein zu Hause und die Menschen sind mir alle sehr ans Herz gewachsen. Trotzdem konnte ich es kaum erwarten meinen Sohn endlich wieder in die Arme schließen zu können. Die Erfahrung in Bolivien hat mich vieles gelehrt, nicht nur auf zahnmedizinischer, sondern auch auf menschlicher Ebene. Ich durfte viel über die Kultur, Musik und Tänze und Menschlichkeit der Bolivianer kennenlernen und zahnmedizinisch lernte ich über „österreichische Rührmethode“, Krankheitsbilder bis hin zur Optimierung der Füllungen und Routine eines Praxisalltags kennen.
Auf alle Fälle weiß ich, dass das nicht mein letzter Hilfseinsatz gewesen ist und, dass ich das nach meinem Examen und gesammelter Berufserfahrung alle 2 Jahre machen möchte. Das ist das Schöne an der Zahnmedizin: wir haben die Möglichkeit direkt zu helfen und Menschen glücklich zu machen.
Ich danke dem FCSM, dass ich Teil dieses wunderbaren Projekts sein durfte, Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und wunderbare Menschen wie Doña Adela und Sabrina kennenlernen durfte.
