Von: Svenja Hornig, Marie Schöffel (Uni Freiburg)
Organisation: Zahnärztliches Hilfsprojekt Brasilien e.V.
Zeitraum: 10.02.19 – 15.03.19
Es war ein typischer Sonntag, an dem unser Brunch mal wieder bis in den Nachmittag ausuferte, als wir irgendwie auf das Thema Famulatur kamen. Schnell stellte sich heraus, dass wir alle vier daran Interesse haben. Nach ein paar Tagen hatten wir uns über ein paar Länder und Organisationen informiert und unsere Entscheidung war gefallen. Wir wollten über die Organisation “Zahnärztlichen Hilfsprojekt Brasilien e.V.” nach Recife, im Nordosten des Landes. Dort gibt es mehrere Stationen an denen man als Zweier-Team behandelt. Dabei muss jeweils ein fertiger Zahnarzt im Team sein. Da zwei von uns bald das Examen machen würden, passte das sehr gut und wir bewarben uns für vier Wochen von Mitte Februar bis Mitte März. Das in dieser Zeit auch Karneval in Brasilien gefeiert wird, kam uns natürlich auch nicht ungelegen… Recht flott erhielten wir von dem Leiter der Organisation Ruben Beyer eine Zusage.
Wir hatten nun also ca. ein dreiviertel Jahr Zeit für die Vorbereitungen. Zunächst buchten wir Hin- und Rückflug und baten bei SwissAir darum kostenlos Spendengepäck aufgeben zu dürfen, was uns auch genehmigt wurde. Wir waren alle der Meinung, dass es sich hierbei lohnt bei einer größeren Airline zu buchen und nicht auf die Billigangebote zurückzugreifen die man online oft findet. Ein Visum braucht man als deutscher in Brasilien nur dann, wenn die Aufenthaltsdauer 90 Tage überschreitet. Da dies bei uns nicht der Fall war, musste wir uns darüber keine Gedanken machen. Weiter ging es mit Impfungen. Wenn man nur in Brasilien bleibt gibt es keine Pflichtimpfung. Sehr empfohlen wird jedoch Gelbfieber und weiterhin Hep A, Typhus und Tollwut. Es wurde uns außerdem empfohlen ein Moskitonetz und einen Adapter für die Steckdosen zu besorgen. Je nachdem wo man vielleicht nach der Famulatur noch hinreist, kann das nützlich sein. Direkt notwendig war es für uns allerdings nicht.

Und dann ging es los mit dem Materialspenden sammeln. Wir schrieben wir diverse Dentalfirmen an, wobei eine Liste von Ruben Beyer sehr hilfreich war. Sehr viele Firmen gaben und eine positive Rückmeldung und so trafen dann nach und nach die Materialien ein. Wir nahmen anschließend noch Kontakt zu den Famulanten vor uns auf, um uns über den Stand der Dinge vor Ort zu informieren und noch fehlende Sachen zu bestellen. Außerdem setzten wir uns erneut mit dem ZAD in Verbindung, um eine Bescheinigung für die Zollfreiheit unserer mitgeführten Spenden zu beantragen. Auch das lief sowohl per Mail als auch telefonisch super reibungslos und einfach ab. Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Vorbereitung ist die Beantragung des Reisekostenzuschusses. Hierbei muss man zunächst einen Förderantrag beim ZAD und anschließend beim DAAD stellen (was nicht ganz übersichtlich ist). Aber es lohnt sich denn wir erhielten knapp 800€! Was bei uns etwas zu kurz kam, waren die sprachlichen Vorbereitungen. Keiner von uns konnte Portugiesisch sprechen und mit Englisch kommt man dort meist nicht sehr weit. Da auf den Stationen keiner außer unser Handy übersetzen konnte wurde wir also etwas ins kalte Wasser geschmissen, was uns allerdings nicht schlecht tat.Wir bemühten uns umso mehr und dank der geduldigen Brasilianer lernten wir jeden Tag mehr dazu!

Wir waren auf zwei unterschiedlichen Stationen eingeteilt. Zwei von uns waren auf einer Grundschule für Kinder der ärmeren Bevölkerung Brasiliens und zwei waren in einem Blindeninstitut eingeteilt. Beides barg sowohl seine Schwierigkeiten als auch (und das überwog in deutlichem Maße) tolle Erfahrungen mit unglaublich offenen Menschen!
Auf der Station Magalhaes Bastos, der Grundschule behandelten Samira und Theresa Kinder im Alter von 8-10 Jahren. Während die eine Hälfte schon ganz kribbelig vor Freude und Aufregung war, hatten manche Kinder doch ziemlich Angst, was sich jedoch mit Hilfe kleinerer Spiele mit dem Stuhl oder gut zureden meist schnell erledigte.Zu tun gab es in jedem Fall eine Menge und so wurden reichlich Amalgamfüllungen gelegt und Milchzähne extrahiert, wenn sie nicht mehr zu füllen waren. Neben Prophylaxe war dies der Hauptanteil, der zu tun war.
Auf Der Station Cegos, dem Blindeninstitut war das Behandlungsspektrum etwas vielfältiger. Von gängigen Füllungen, über Zahnextraktionen, Parodontologie Behandlungen bis zu Abszessinzision war ebenfalls viel zu tun. Hier war es besonders wichtig, den Patienten genau zu erklären oder mithilfe der anderen Sinne neben dem Sehen, zu zeigen was man vorhat. Sonst springt ein Patient auch schnell mal auf, wenn man unangekündigt mit der Luft drauflos pustet.
Röntgengeräte waren auf keiner der beiden Stationen vorhanden, deshalb konnten keine Wurzelkanalbehandlungen durchgeführt werden. Ansonsten waren die Zimmer Tip top ausgestattet, mit einer gut funktionierenden Einheit, einem Stern und massenhaft Instrumenten und Material. Klar, funktioniert mal hier und mal da was nicht (auf beiden Stationen hat der Kompressor zum Beispiel mal faxen gemacht), allerdings kann man sich definitiv auf ein super Behandlungsumfeld ohne große Kompromisse einstellen!! Was definitiv der Fall war, dass es sich wirklich um unglaublich liebe und geduldige Patienten handelt, die einem (teilweise im wahrsten Sinne des Wortes) blind vertrauen. Was etwas schade war: Dass sich die Terminvereinbarung auf Cegos etwas schwierig gestaltete und die Patienten so teilweise einige Stunden zu spät (und dann alle auf einmal), oder zu Kontrollterminen teilweise gar nicht erschienen sind. Wir würden allerdings alles wieder genauso machen, von der Planung bis zur Durchführung. Klar, fließend Portugiesisch (inkl. Zahnmedizischer Begriffe) hilft einem deutlich. Vielleicht etwas mehr Mückenabwehrspray hätten wir einpacken können…;-)

Wir sind anschließend noch zwei Wochen durchs Land gereist. Dies ist auch als vier blonde deutsche Mädchen problemlos möglich gewesen und wir haben uns zu keiner Zeit unsicher gefühlt. Wenn man ein paar Grundregeln beachtet und nicht nonstop mit seinem Smartphone vor dem Gesicht und teurem Handtäschchen umher läuft, kann man sich ziemlich sorgenfrei bewegen. Abends haben wir trotzdem fast ausschließlich Uber benutzt, was dort aber super easy, bequem und günstig ist! Die Wochenenden kann man übrigens auch super nutzen, da dort keine Behandlung stattfindet und sich in naher Umgebung einige wunderschöne Strände befinden!

Wir haben für unsere Hin-und Rückflüge pro Person 600 Euro ausgegeben, dafür hatten wir wie schon gesagt sogar 2×23 kg pro Person plus Handgepäck zur Verfügung. Apropos Handgepäck: da die Spenden bei uns einen ziemlich großen Anteil ausmachten und wir noch vier relativ große, klingelte Bälle fürs Blindenfußball im Gepäck hatten, beschlossen wir nur mit Handgepäck zu reisen. Auch diese Entscheidung bereuten wir nicht. Auf den Stationen ist es möglich in den Waschküchen die Wäsche zu waschen, teilweise wird es sogar von den tollen Mitarbeitern vor Ort mit der Arbeitskleidung mit gewaschen.
Des Weiteren ist Kost und Logis der Station ebenfalls inbegriffen. Das Essen ist super lecker, wenn auch manchmal einfach (Bohnen, Reis und Fleisch stand oft auf dem Tisch). Die Appartements neben den Behandlungszimmern haben uns persönlich total positiv überrascht, mit Küche/Esszimmer, Bad und Schlafzimmer lassen sie keine Wünsche offen. Sogar Klimaanlage und WLAN hatten wir! 😉
Für die weitere Reise haben wir circa nochmal 1000 Euro ausgegeben, allerdings haben wir die Wochenenden und unsere zwei Reisewochen auch wirklich viel mitgenommen und waren unter anderem auf der Insel Fernando de Noronha, einem unter Naturschutz stehenden Paradies (per Flugzeug ca. 40min entfernt von Recife). Das hat sicherlich einen größeren Teil unseres Budgets verschlungen, aber war die Reise auf jeden Fall wert. Ansonsten hat und besonders natürlich Rio de Janeiro und ein Nationalpark westlich von Bahia gefallen, der sich „Chapada Diamantina“ nennt und dessen Fläche allein so groß wie Belgien ist.

Wir würden auf jedem Fall jedem, der beabsichtigt eine Famulatur zu machen Brasilien als Zielland empfehlen! Die Menschen, das Land und die Kultur sind wirklich einzigartig. Selten haben wir so eine Offenheit und Lebensfreude erleben dürfen, auch wenn die Menschen oft aus ärmlicheren Verhältnissen kommen, sind sie jeden Tag aufs Neue gut gelaunt, freundlich und hilfsbereit!
Wir danken allen die uns bei unserer Famulatur unterstützt haben. Materialspenden erhielten wir hierfür von Ivoclar Vivadent, Voco, Frasaco, dmg-dental, hu-friedy, duerrdental, 3M, und Bausch!! Vielen Dank, dass sie uns das behandeln vor Ort mit ihren Spenden erleichtern konnten.
Außerdem danke an Ruben Beyer für die Hilfe bei der Organisation des Projektes. Sowie unseren Freunden und Familien für jegliche Unterstützung!
Brasilien wir kommen wieder!
