Von: Beatrice Potra (Universität Regensburg)
Organisation: Padhar Hospital
Zeitraum : 09.02.20 – 19.03.20
Als ich ungefähr im zweiten Semester zum ersten Mal von der Möglichkeit, im klinischen Abschnitt eine Famulatur im Ausland zu absolvieren, hörte, war mein Interesse sofort geweckt und ich nahm mir fest vor, das auch einmal zu machen. Im klinischen Abschnitt angekommen konnte ich keinen meiner Kommilitonen für meine Pläne begeistern, doch das konnte mich auch nicht von diesen abbringen. Dann eben alleine! Das ist dann gleich eine noch größere Herausforderung und ein noch größeres Abenteuer.
Ich verbrachte meine Famulatur vom Februar bis März 2020 im Padhar Hospital in Indien, einem christlichen Missionarskrankenhaus gefühlt mitten im Nirgendwo, im Zentrum von Indien. Darauf gekommen bin ich selbst durch einen Famulaturbericht auf der ZAD Seite, und nachdem mein chirurgisches Interesse nach der ersten OP Woche im siebten Semester geweckt worden ist und mich Indien schon länger interessiert hatte, bewarb ich mich kurzerhand dort. Nach wenigen Stunden erhielt ich von Deepa Chouhdrie, der Radiologin und Organisatorin von allen Famulanten und Besuchern, die sich vor und während meinem Aufenthalt um mich kümmerte und all meine Fragen beantwortete, eine Zusage.
Als ich am 8. Februar, einen Tag nach Semesterschluss und Scheinvergabe, in München ins Flugzeug stieg, hatte ich dann doch ein mulmiges Gefühl – Indien alleine als Frau, ob das so eine gute Idee gewesen war? All meine Sorgen erwiesen sich aber als unbegründet und ich fühlte mich zu jedem Zeitpunkt meines Aufenthaltes in Indien vollkommen sicher. Nach zwei Umstiegen in Kuwait und Mumbai, zwei von drei verschlafenen Flügen und einer knapp dreistündigen Autofahrt von Nagpur nach Padhar erreichte ich Padhar knapp vierundzwanzig Stunden nach meiner Anreise ziemlich müde. Dort angekommen wurde ich im zum Krankenhaus gehörenden Guesthouse, das von allen nur Big Bungalow genannt wurde, von Madri und Dolari, die sich dort um uns kümmerten, begrüßt. Auch waren da überraschenderweise vier deutsche Medizinstudenten, Aaron, Basti, Hanna und Karla, aus Göttingen, die nur wenige Stunden vor mir angekommen waren. Bei einer Tasse Chai, dem süßen, indischen Tee mit Milch und vielen Gewürzen, lernten wir uns kennen und ich fühlte mich schon ab der ersten Minute in Padhar pudelwohl.
Schon am nächsten Morgen begann die Arbeit im Krankenhaus, zu dem wir nur zwei Minuten Fußweg hatten, zum Glück jedoch erst um 9 Uhr – es waren allerdings alle schon um 8.45 zum allmorgendlichen Gottesdienst (auf Hindi, den uns Lisa, die Pathologin, jedoch immer zu übersetzen versuchte) da. Nach diesem sagte das gesamte Krankenhausteam gemeinsam die Vision und Mission des Krankenhauses auf, die wir nach einer Woche auch schon auswendig mitsprechen konnten:
„The primary objective of Padhar Hospital is to provide physical, mental, emotional and spiritual healing to all in general but especially to the poor and needy, regardless of caste and creed.”
Danach lernten wir das Ärzteteam kennen, die die erste Stunde des Arbeitswoche mit einer QM Besprechung verbrachten, da das Ziel ist, das Krankenhaus bald akkreditieren zu lassen. Dazu müssten Kriterien wie zum Beispiel keine freilaufenden Streuner oder Kühe auf dem Krankenhausgelände, keine herabhängenden Kabel und keine Löcher in den Wänden erfüllt sein. Nachdem diese Besprechung abgeschlossen war, begleitete ich das Chirurgen Team auf der Morgenvisite, wo ich zunächst etwas geschockt von der Größe der Stationen war, in denen jeweils zwanzig Betten in einem Raum standen.
An meinem ersten Tag konnte ich gleich ein paar Zähne ziehen und machte die gefühlt extremste PZR meines Lebens: viele Inder kauen Kautabak, der einerseits schwarze Verfärbungen auf den Zähnen erzeugt, die sich mit viel Mühe mit dem Sonic zumindest teilweise entfernen ließen, anderseits auch der Grund für viele maligne Erkrankungen im Kopf-Hals Bereich auch schon bei Patienten unter dreißig ist.
Wirklich viel war im Dental OPD bei der Zahnärztin Jini und dem Kieferorthopäden Anshul allerdings nie los, weil sich die Inder einerseits nicht viel für Ihre Zahngesundheit interessieren zu scheinen, aber auch viel weniger Karies haben, als ich es von zu Hause kannte. Wenn sie eine Behandlung wünschten, war es meist eine Extraktion – um diese ranken sich allerdings auch Aberglauben, dass sie Krebs verursachen oder den Visus einschränken könne. Meistens war ich bei Manoj, dem MKGler, der mir seine Fälle vorstellte. Leider sprechen die Patienten nur Hindi und höchstens wenige Worte englisch und ich ebenso wenige Hindi, wodurch sich die Kommunikation etwas schwierig gestaltete. Jedoch übersetzten uns die Ärzte so viel wie möglich auf Englisch.
Schon am Dienstag stand die erste Tumor-OP mit Hemimandibulektomie, modifizierter radikaler Neck Dissection, die ich bisher nur aus dem Lehrbuch kannte, und Deckung mit Pectoralis Major Lappen an, bei der ich assistieren, Zähne ziehen und am Ende nähen durfte, während ich die Anatomie abgefragt wurde.
Die Abende verbrachte ich mit den anderen „Germans“ auf unserer gemütlichen Veranda, wo wir nur von sehr aggressiven Moskitos gestört wurden, wir tranken Chai und machten unsere Hausaufgaben, das heißt lasen Sachen nach, die wir nicht wussten. Deepa zeigte uns schöne Routen für Spaziergänge, die wir dann immer häufiger unternahmen, bevor dann zum Abend wieder von Madri und Dolari mit köstlichem und gar nicht so scharfen indischen essen verwöhnt wurden.So verging die erste Woche zwischen spannenden OPs, Zahnextraktionen, Visiten und gemütlichen Abendenden schnell, und ich fühlte mich am Ende dieser schon wie zu Hause in Padhar.
Am Samstag besuchten wir den Markt im Dorf, wo wir uns mit frischem, leckerem Obst eindeckten, und von dem Gewusel ziemlich überfordert waren, und am Sonntag nahmen uns die Ärzte zu ihrer alljährlichen Wanderung auf den höchsten „Berg“ in der Umgebung mit. Schon auf dem Weg dorthin war ich fasziniert von dem Einblick in das Leben in die Dörfer, den wir aus dem Auto bekamen, und den vielen Kühen, die immer wieder die Straße blockierten. Die Wanderung selbst erwies sich zum Glück als gar nicht so anstrengend und wir genossen die beeindruckenden Ausblicke, die Sonne und die angenehmem, für uns sommerlichen Temperaturen, und picknickten oben auf dem Berg.
Die Arbeit im Krankenhaus blieb spannend. Neben zahlreichen Operationen im MKG Bereich, darunter Tumor-OPs, die viel ausgedehnter waren als was ich aus Deutschland kannte, darunter mehrere Commando-OPs und eine totale Glossektomie bei teilweise leider noch sehr jungen Patienten, wobei die plastische Deckung in fast allen Fällen, auch, wenn der Knochen mitinvolviert war, nur mit Pectoralis Major Lappen oder Latissimus Dorsi Lappen erfolgte; LKG-Spalten (deren Kosten, auch für alle nachfolgenden OPs wie für Rhinoplastiken und Kieferspaltosteoplastiken, von der Organisation Smile Train übernommen wurden), Frakturversorgungen und kleinere Eingriffen bekam ich gelegentlich auch Einblicke in andere Fachrichtungen und konnte so unter anderem auch einen Kaiserschnitt und eine natürliche Geburt sehen.
Man bemerkte hierbei dem starken Zusammenhalt in den Familien, die Tage und Wochen im Krankenhaus bei ihren Angehörigen verbrachten, um sich um sie zu kümmern und unter anderem auch Blut für sie zu spenden, falls dieses benötigt wurde. In der Blutbank befanden sich nämlich nur wenige Konserven von jeder Blutgruppe, die, falls diese im Notfall benötigt wurden, später ersetzt werden mussten. Auch fanden geplante OPs nicht statt, bis der Patient nicht genug Blut „gesammelt“ hatte.
Leider zeigten sich auch Probleme im Gesundheitssystem und in der Gesellschaft. Die armen Bewohner des ländlichen Indiens haben keine Krankenversicherung, wodurch sie ungern und zu spät zum Arzt gehen, da dies teilweise mit hohen Kosten verbunden ist. Oftmals versuchen sie ihre Krankheiten zunächst auch mit ayurvedischen Methoden zu heilen, was aber leider fehlschlägt. Darüber hinaus bemerkte ich auch die hohe Anzahl an Selbstmordversuchen, die teilweise mit hohen Verschuldungen und Missernten der Bauern zusammenhingen, und das weiter vorherrschende Problem, ein Mädchen zu bekommen, da die die Familie bei der Heirat aufgrund der Mitgift viel kosten wird. So darf den Schwangeren während der Ultraschalluntersuchung gesetzlich das Geschlecht des Kindes nicht gesagt werden, da die Mütter, falls sie wüssten, dass sie ein Mädchen bekommen, möglicherweise versuchen würden, dieses abzutreiben.
Während ich immer wieder abgefragt wurde, assistieren und wie selbstverständlich auch große Wunden von den Entnahmestellen der Lappen zusammennähen durfte, könnte ich mein praktisches und theoretisches Wissen erweitern. Neben Zahnextraktionen, PZRs und subgingivalen Debridements legte ich in meiner gesamten Zeit dort jedoch nur zwei Füllungen, wobei ich vom Gebrauch der Turbine zur Karies Ex etwas überfordert war und letztendlich keine Komposite zum Füllen der Kavität verwenden sollte, da diese schließlich pulpatoxisch seien.
Dank vieler Spenden aus aller Welt ist das Krankenhaus für seine ländliche Lage sehr gut ausgestattet. Es gibt unter anderem zwei zahnärztliche Stühle, ein CT, eine Intensivstation und NICU und seit letztem Jahr einen neuen, modernen OP. Lustigerweise hatten nach knapp drei Wochen auch schon vier von uns wegen Ausschlägen, Nadelstichverletzungen oder einem „Splash“ ins Auge aufgrund der fehlenden Schutzbrillenpflicht im OP eine eigene Akte im Krankenhaus, womit wir eindeutig einen Rekord aufgestellt hatten.
In der dritten Woche stieß dann Thomas dazu, der eigentlich ein halbes Jahr als Freiwilliger in Padhar bleiben wollte. Leider wurde sein Aufenthalt wegen der aktuellen Lage aufgrund des Corona Virus frühzeitig beendet.
Wir würden immer wieder von den Ärzten zum Abendessen, nächtlichen Ausflügen in den Dschungel, wo wir unter dem beeindruckenden Sternenhimmel am Lagerfeuer Lieder sangen und grillten, und Geburtstagsfeiern eingeladen. Darüber hinaus wurden wir von den Nursing Students auch zur Graduation and lamp lighting ceremony des Nursing College eingeladen, wozu wir traditionell in Saree und Kurta eingekleidet wurden. Nach der Zeremonie an sich verbrachten wir den restlichen Abend damit, mit bekannten und unbekannten Leuten Fotos zu machen.
Während meiner Zeit dort fand auch das berühmte Holi-Festival statt, auf das ich mich sehr gefreut hatte. Leider wurden wir von allen Seiten davor gewarnt, in eine größere Stadt zu fahren und diesen beizuwohnen, weil es sehr gefährlich sein sollte. Im Krankenhaus war wegen der Feierlichkeiten, die mehrere Tage dauerten, auch recht wenig los.
Für unsere Wochenenden hatten wir auch mithilfe von Deepa und den anderen Ärzten Ausflüge geplant. So verbrachten wir zwei Tage im Bhopal, der Hauptstadt des Bundesstaates Madhya Pradesh, und sahen uns auf dem Weg dorthin steinzeitliche Höhlen und eine antike, buddhistische Tempelanlage an. Bhopal war dann ziemlich genau so, wie man sich eine indische Grossstadt vorstellt: laut, groß, bunt, ein Mix aus Religionen und Kulturen, alt und modern zugleich, es waren unglaublich viele Menschen in den engen Straßen, es gab viel Verkehr und auch noch Kühe auf den Straßen, und die ganze Stadt war auf alle Fälle sehr anstrengend! So interessant, wie es war, das alles zu sehen, so froh war ich wieder, im ruhigen Padhar angekommen zu sein, das mir vorkam wie eine Oase.Am nächsten Wochenende führen wir in den Pench National Park, wo wir mehrere Safaris machten, um Tiger in der freien Wildbahn zu sehen. Während unserer drei Safaris und insgesamt zwölf Stunden im dem Jeep sahen wir eine ganze Menge Tiere, aber leider keinen Tiger. Anscheinend gehört zu der Sichtung von Tigern auch eine ganze Menge Glück und Geduld.
Letztendlich gefiel es mir in Padhar so gut, dass ich kurzfristig meine weiteren Reisepläne für Indien aufs Eis legte und beschloss, bis zu meinem Rückflug nach Deutschland da zu bleiben. Leider musste ich wegen der aktuellen Lage und gestrichenen Flüge eine Woche früher nach Hause fliegen. Der Abschied vom Padhar Hospital war dann ziemlich tränenreich, doch ich habe mir fest vorgenommen, nach dem Staatsexamen wiederzukommen.
Insgesamt waren meine sechs Wochen in Padhar eine unglaublich lehrreiche, bereichernde und schöne Zeit, an die ich mich immer gerne erinnern werde. Vielen Dank an alle, die meine Zeit in Padhar so unvergesslich gemacht haben!
